Ankunft

Wir wurden freundlich gebeten unsere Rüpeleien und Provokationen an einem anderen Ort vorzutragen und da ist er nun. Der andere Ort. Das altbekannte Los eines Barden, eines fahrenden Musikanten, eines Wanderers ohne Zuhause, Stamm und Sippe. Da macht es dann auch keinen Unterschied mehr, dass wir zu sechst sind, zu siebt, wenn man die Blechbüchse dazu zählt. Ein Grund mehr uns loswerden zu wollen.
Sie waren sehr freundlich gewesen und hatten uns sogar ein Ein-Weg-Ticket bezahlt. Es ist sogar ein Weit-weg-Ticket.
Und hier ist sie nun.
Byrinth. Die Stadt der tausend Freuden, der größte Vergnügungspark des Universums. Hierher kommen sie alle, die Vergnügungssüchtigen, die Dealer und Zocker, die Reichen und das Gesindel.
Nun waren auch wir hier gestrandet. Wenig Geld im Daumen und einen mehr als lausigen Vertrag im Gepäck.
Apropos Gepäck. Der winzige Raumhafen ist überfüllt mit allem. Mit zu vielen Raumschiffen, zu vielen Bewaffneten, zu vielen Leuten inklusive uns und wahrscheinlich auch mit zu viel Gepäck. Ein großer Teil davon gehört uns. Man kann viel miniaturisieren. Bei Musikinstrumenten macht das nicht viel Sinn. Eine Ukulele ist keine Konzertgitarre.
Wir haben natürlich beides. Und noch viel mehr. Zum Glück mussten wir den Gepäcktransport diesmal nicht selbst bezahlen. Den Berg an Gepäck, den wir als unverzichtbar betrachten, kann noch nicht mal unser allseits beliebter Miesepeter Hucke Pack, ein drei Meter hoher Industrieroboter, ständig hinter uns her tragen. Bis wir ein Quartier haben müssen wir einen Teil davon hier einlagern.
Durch die glockenförmige Registratur zwischen zwei Hüpfern hindurch zur Gepäckabfertigung. Die tun hier so, als hätten sie einen Zoll, uns nehmen sie aufs Korn. Ob das jemals anders sein wird?
Sieben ramponierte Transportkisten. Ja, auch der Roboter hat eine. Jede einzelne wird geöffnet, jedes Instrument argwöhnich betrachtet und mit den Listen verglichen. Wir stehen gelangweilt herum, beantworten ab und zu eine Frage, sehen die anderen Fluggäste weniger werden und sind bald mit den Zöllnern allein.
„Nein. Wir wollen hier keine Instrumente verkaufen. Sehen wir aus wie Pfeffersäcke? Wir sind die Band. Wir sind Silbenknicker. Wir haben hier einen Gig.“
Nada Blabla war in seinem Element. Nach der dritten Beschreibung der generellen Unterschiede zwischen Händlern und Künstlern geben uns die Zöllner ihren Stempel und wir können das Gepäck auf den Gravfeldern nach draußen schieben.
Mal wieder. Immer die gleichen Gebäude. Auf jedem Planeten. „Wir sind hier.“ rufen sie. Die Konzerne. Die Gilde. Die Zivilisation. Sogar auf dem schäbigsten Bergbauplaneten kann man diese Stadt finden, auch wenn dann dort mehr Fracht als Menschen befördert wird. Planeten haben Namen. Die Städte haben Codes. Jede Stadt ist im Prinzip nichts anderes als ein erweitertes Raumhafengelände. Mit den fast immer gleichen oder ähnlichen Bauwerken, damit die Globetrotter des Weltenbundes auf jedem Globus die gleichen Annehmlichkeiten finden.
Oder Unannehmlichkeiten wie in unserem Fall. Wir sind nur Personal und müssen uns um alles selbst kümmern. Auch um unser Gepäck. Personal. Pah. Unterbezahlte Wirtshausmusikanten trifft es besser.
Die Gepäckaufbewahrung ist im Hauptterminal, dem sechszackigen Protzbau gegenüber. Zum Glück ist wenig Verkehr und wir schieben unsere Kästen in die Kästen. Für jede unsrer Kisten brauchen wir eine der Boxen, die uns das System gerne für den üblichen Obolus zur Verfügung stellt. Sieben mal. Haftungsbeschränkt verschwinden die Boxen in den Kellern und wir nach draußen.
Wie überall kontrolliert auch hier die Gilde nicht nur den Raumhafen. Die ganze Stadt wird von ihr überwacht und regiert. Auf manchen Welten ist es Besuchern nicht erlaubt die Stadt zu verlassen, um Einheimische übers Ohr zu hauen. Byrinth war anders. Hier zogen Eingeborene den Besuchern das Fell über die Ohren.
Bei uns gibt es offensichtlich nichts zu holen. Nur noch ein jämmerlicher Haufen, der in dieser Stadt das Joch des Alltags trug, um ihn all jenen gut zahlenden Gästen zu vertreiben, von denen dieser Planet lebt. Noch hatten wir Glanz in den Augen, der Glanz des Neuanfangs. Schon morgen würde auch uns das Hamsterrad öde und leer in die immer gleichen Arbeitstage spucken. Die Gastronomie fraß schon immer jene, die dort dem Wohl des Gastes dienten.
Unser Glanz würde nicht verschwinden. Wir haben keine Hoffnung, wir haben Musik. Diesen Satz können wohl nur Musiker verstehen. Obwohl wir nur eine billige Band in einem billigen Schuppen sein würden, lag es an uns ein Publikum zu finden. Und wir wussten natürlich auch wo wir es finden würden. Egal welche Bühne man uns bot.
Und wenn man uns keine Bühne bietet, suchen wir uns selbst eine.
Wir sind Silbenknicker und wir sind gut.
„Hühnchen. Ich rieche Hühnchen.“
„Du riechst immer Hühnchen.“
„Ich rieche nix.“
Die übliche Diskussion am Beginn jedes Abenteuer. Wo ist die Futterstelle.
Raumflug mit Champagnerfrühstück hat leider noch niemand erfunden und wenn doch, dann nicht für Billigheimer. Für uns heißt Raumflug auch Raumanzug. Nicht wegen der Langstrecke. Doch der Weg vom Planeten zum Weltraumbahnhof und zurück wird von halbinsolventen Linien mit Schrottkisten geflogen. Wenn man Glück hat, gibt es dort Atemluft. Aber keine Hühnchen.
Vier Veganer, zwei Hühnchen- und einen Stromfresser gleichzeitig mit der notwendigen Energie für einen einwandfreien Betrieb zu versorgen hat ein paar Tücken. Die Lösung dieses Problems heißt Nachttanke. Ja, die gibt es immer noch. Und sie lebt immer noch hauptsächlich vom Drogenhandel.
Doch dort gibt es auch Strom für Hucke Pack, Hühnchen für die Raubtiere und Salat für die Veganer.

wird fortgesetzt