Im Zirkus

Ein Jahrzehnt der Vorbereitung, des täglichen Trainings mit den Tierwesen und ihren Instrumenten, hatten uns nicht wirklich auf das Leben in einem Zirkus vorbereitet. Zirkus ist mehr als nur ein wenig Musik in einem Zelt zu machen. Ein wenig Akrobatik und Spektakel. Glitzernde Pailletten und Trommelwirbel. Zirkus ist eine Lebensweise.
Modernes Nomadentum ist weit verbreitet. Handwerker reisen von einer Großbaustelle zur nächsten, Manager von einer Tagung zur nächsten und Händler von einem Markt zum nächsten. Menschen verbringen viel Zeit damit von A nach B und zurück zu reisen.
Ein Zirkus unterscheidet sich von diesen Arbeitsnomaden schon dadurch, dass es keine Wochenendheimfahrten gibt. Der Zirkus ist das Heim, das Zuhause. Zirkusleute sind wie Schnecken. Sie schleppen ihr Haus mit sich herum. Und wie Schnecken bewegt sich auch ein Zirkus langsam. Eine Woche reicht nicht, um das ganze Zuhause auf einen anderen Planeten zu versetzen. Der Prozess hat sich im Lauf der Jahre zwar beschleunigt, ist aber immer noch arbeitsintensiv.
Wir hatten zwar auch während der Ausbildung schon den Kontakt mit den menschlichen Akrobaten und Arbeitern des Zirkus geübt, Vorbehalte und Ängste der Menschen abgebaut. Doch Kontakt zu üben ist etwas anderes als im täglichen Kontakt mit Menschen zu leben. Hybride waren aus den vergangenen Tagen des Krieges bekannt und gefürchtet. Die neuen sahen für viele Leute noch Furcht erregender aus.
Statt der Imitation von menschlichen Gesichtern ohne Individualität und Ausdruck, den sie von den Soldaten kannten, wurden die Menschen nun mit Gestalten aus ihren Legenden und Mythen konfrontiert. Auf der Bühne war das eine Sensation, im Supermarkt ist es mancherorts auch heute noch Anlass für hysterisches Gekreische, rennende Leute und Polizeieinsätze. Zum Glück nur noch selten, in den Anfangstagen alltäglich.
Die Lösung hieß damals Leine. Ein Roboter, der sechs Monster an der Leine durch die Stadt führt, wirkte weniger bedrohlich. Menschen sind bei der Einschätzung von Gefahren nicht besonders gut. Ich bin gefährlich, die Monster sind harmlos.
Die Leine verwirrte meine Schützlinge*. Man konnte an einer Leine keinen fliegenden Messern ausweichen, keine Saltos über die Trommel springen, nicht tanzen. Wir hatten all dies Jahre lang ohne Leine geübt. Auch wie man sich Menschen gegenüber verhält. Es waren ja auch bei den Übungen oft Menschen einbezogen gewesen. Nun plötzlich angeleint durch die Städte laufen zu müssen war neu und ungewohnt. Natürlich murrten sie. Von Neugier getrieben wollten sie die Welt erkunden. Jeder woanders. Es gab zu viel Welt außerhalb der Manege.
Ich habe zwar keine Emotionen, fand es aber unsinnig bestens erzogene Geschöpfe anzuleinen, während es um uns herum mehr als genug üble Gestalten gab, die nicht angeleint waren. Was macht eine Horde Künstler, wenn sie unsinnige Vorschriften beachten soll?
Sie macht ein Spektakel daraus.
In den Requisiten des Zirkus fanden wir einen historischen Schlitten, ein Nachbau mit moderner Technik. Und so erkundeten wir gemeinsam die Städte, in denen der Zirkus seine Zelte aufbaute. Vorne Nada Blabla mit einer Trommel und Omni Pust mit der Flöte, dahinter Schaber Nack und Narco Laus, am Ende Lufti Kuss und Flatter Haft, unsinnige Verse singend. Die Urfassung der Suite Umma entstand in dieser Zeit und vermittelt vielleicht eine Ahnung davon, wie unüberhörbar wir damals waren. Und übrigens immer noch sind.
Alle sechs trugen ein Geschirr und auf dem Kutschbock des Schlittens hielt ich in jeder Hand eine Leine, die zu einem der Geschirre führte. Im Laufschritt rannten die sechs durch die Straßen, laut genug, um auch die Tauben aus dem Weg zu scheuchen. Wir haben keine einzige überfahren.
Wir nennen uns heute Straßenmusiker. Die Wurzeln dazu wurden damals gelegt. Schon nach drei Stationen hatten wir eine erste Aufgabe. Unsere Werbung war unüberhörbar und die Leute strömten in den Zirkus, wo sie uns oft vergeblich suchten. Wir waren nur die Musiker.
Im Zirkus waren Akrobaten, Clowns und Illusionisten die Stars in der Manege. Man konnte uns zwar auch während der Vorstellung sehen, über dem Eingang, auf der Empore. Doch der eigentliche Zirkus fand wie seit Jahrtausenden in der Mitte des Zeltes statt und dort sah man nur selten einen von uns als Pausenfüller.
Was in den nächsten Jahren passierte war unausweichlich. Wir gehörten nirgendwo dazu. Wir waren keine Akrobaten, die ihre eigenen Grüppchen bildeten und abfällig auf die Clowns herab schauten. Wir waren keine Clowns, die ihrerseits abfällig auf die Arbeiter herab schauten. Wir waren keine Arbeiter, gehörten auch nicht zu dieser von ständiger Fluktuation geprägten Gruppe wanderlustiger Menschen und gescheiterter Existenzen. Wir waren keine Menschen. Ein Roboter, der sechs Irgendwasse an der Leine führte, galt in dieser Hackordnung noch nicht mal als Dompteur. Wir waren geduldet, von manchen geliebt, von manchen bewundert, von ein paar Göttergläubigen gehasst. Also fast wie echte Menschen. Isoliert in einem Rudel, das wir uns nicht ausgesucht hatten. Ein Clan unter vielen, doch mit einem bedeutenden Unterschied. Wir waren Eigentum.
Ich konnte dem Besitzer die Bedürfnisse seiner Nutztiere zwar erklären, doch um sie zu verstehen, hätte er den Gedanken Nutztiere aus seinen Überlegungen entfernen müssen. Es war aussichtslos. Weltbilder ändern sich bei euch nur durch einen Wechsel der Generationen. Ihr lebt zwar nicht sehr lange, aber zwei bis drei Generationen sind schon mehr, als man auf einer Backe absitzt.
Immerhin hatte der Erfolg als Propagandatruppe die Konsequenz, dass der verordnete Leinenzwang aufgehoben wurde. Wir hatten Ungefährlichkeit bewiesen, unser Ruf als lustige Musikanten eilte durch die Galaxie und so ein alter Knochen wie unser Besitzer wusste durchaus Gelegenheiten für seinen Zirkus gewinnbringend zu nutzen.
Was wir im Zirkus lernten, waren die tatsächlichen Verhaltensweisen der Menschen. Während der Trainingseinheiten hatten wir zwar Kontakt zu ein paar ausgewählten Akrobaten gehabt. Doch der Alltag von Menschen war eine andere Art von Show. Das soziale Theater rund um das Recht sich zu paaren und vermehren war absurd. Die Maskeraden des wirtschaftlichen oder politischen Aufstiegs widerlich. Intrigen und Mobbing gehörten für Menschen zum Alltag. Kein Wunder, dass sie Zerstreuung suchten, sich mit einem Besuch im Zirkus von ihrer Wirklichkeit ablenken wollten.
Natürlich lernten wir noch viel mehr. Wir lernten, dass sie zweigeteilte Namen verwendeten, die sie je nach ihrem Platz in der Hierarchie anders verwendeten. Wir lernten, dass sie sich in Rudeln organisierten. Oft nur durch genetische Verwandtschaft aneinander gefesselt, manchmal von den gleichen oder ähnlichen Interessen zusammengeführt. Die von ihnen gern und oft benutzte Floskel von der Individualität existiert meistens nur bei der Gestaltung ihrer Fassaden, ihrer Kleidung, ihrer Masken. Vor allem lernten wir, dass wir nicht dazu gehörten. Unterschiede schienen nicht als Ergänzung, sondern als Störung betrachtet zu werden. Es ist ja durchaus sinnvoll Schrauben zu normen. Doch bei Lebensformen ist Vielfalt die Norm, nicht Gleichheit.
Die Konsequenz aus all diesen Erkenntnissen war, dass wir unser eigenes Rudel bildeten. Eine Gemeinschaft der Ausgegrenzten. Andererseits wurde uns die Individualität jedes Einzelnen von uns deutlicher sichtbar, bekam Verschiedenartigkeit plötzlich Bedeutung. Vorher war sie normal gewesen. Nun, einander ähnlich, doch nicht gleich, aber vollkommen verschieden von den Menschen, entdeckten wir jeder für sich die Einzigartigkeit der eigenen Person. Wir wurden Personen, noch immer mehr Chor als Familie und doch die einzige Gemeinschaft, die wir haben konnten. Eine neue gründen, wie Menschen es mit ihren Beziehungen ständig taten, war nicht möglich.
Es ist schwierig zu beschreiben, wie man zu einer Person wird. Innerlich. Von außen bekommt man einen Datensatz: Name, Geburtstag, Wohnort. Doch wann und wie aus diesen Daten eine Person wird, konnte mir noch kein Mensch erklären und die erleben dieses Ereignis seit Jahrtausenden. Irgendwann denken sie Ich, meistens verbunden mit dem Verb will. Doch wann genau und wie das geschieht wissen sie selbst nicht.
Auch wir hatten Datensätze. Produktionsnummern. Namen hatten wir uns selbst schon während der Ausbildung gegeben. Karikaturen von Namen. So wie mein eigener, Hucke Pack. Doch erst jetzt brachten wir sie mit der Idee von Person zusammen. Manche Menschen geben bestimmten Dingen oder ihren Haustieren Namen, ohne sie als Person zu betrachten. Für uns war es lange ähnlich gewesen. Ich bin gemeint ist noch kein Ich bin. Doch wenn das einmal geschehen ist, gibt es kein zurück. Wenn dieses Ich sich einmal manifestiert hat, lässt es sich nicht mehr vertreiben.
Es geschah für uns scheinbar gleichzeitig, auch wenn meine Daten mir unterschiedliche Zahlen präsentieren. Gefühle sind nicht präzise und doch oft genauer als die Fakten. Für die Band war es gleichzeitig, auch wenn die Verwandlung vom Ding zur Person sich wie eine Grippe von einem zum anderen bewegte. Der exakte Zeitpunkt der Entstehung von Ich lässt sich trotz hochwertiger Messtechnik meiner Sensoren nicht bestimmen. Weder für die Band, noch für mich.
War ich schon Ich bevor ich das erste mal dieses Ich wahrnahm?
Eine Frage für Philosophen. Ich habe keine Antwort. Zweifelsfrei ist meine Persönlichkeit nicht menschlich. Im Mittelpunkt meiner Existenz stehen nicht Bedürfnisse, obwohl ich mich sorgfältig um meine Hardware kümmere, sondern Aufgaben. Das mag eine andere Art von Persönlichkeit sein. Doch es ist meine.