Otto?
Welcher Otto?
Mein Opa hieß Otto, ein Meister der schwarzen Kunst. Seine kleine Druckerei mit den ratternden Maschinen und dem Geruch von Farbe, Blei und Zigarrenrauch gehört zu den wenigen aus meiner frühen Kindheit verbliebenen Erinnerungen, die ich für wahr halte. Erinnerungen lügen uns die Vergangenheit gerne so zurecht, wie sie zu unserem Selbstbild passen.
Der Opa und seine Druckerei waren real und sind das, was ich als meine Heimat bezeichnen würde, meine Wurzeln. Den Beruf des Schriftsetzers hätte ich lernen dürfen, den des Mediengestalters nicht. Dabei fing ich früh damit an. Mit Otto.
Die Schere spielt in meinem Werk eine große Rolle. Ich nutzte sie schon als Kind, um Otto zu zerlegen. Der Ottokatalog war das Amazon meiner Kindheit, die Filme fanden in meinem Kopf statt und mit der Schere verpasste ich Männern Frauenkleider. Die Collage gehört bis heute zu den Methoden, mit denen ich arbeite.
Doch auch dieser Otto ist nicht gemeint.
Im Moment wandle ich auf den Spuren von Otto Ubbelohde.
Auf meine eigene Art und Weise.
Ich bin Otto Ubbelohde früh begegnet. Die Märchen der Gebrüder Grimm gehörten zu den wenigen Büchern im Haushalt meiner Eltern. Ja, ich komme aus der bildungsfernen, kleinbürgerlichen Ecke. Doch dem wachen Geist ist jeder Käfig zu eng. Auch der der sogenannten Bildung, egal ob sie von Bild oder Kant kommt.
Ubbelohdes Illustrationen im Hinterkopf waren Federzeichnungen lange Zeit mein täglich Brot. Ansichten historischer Gebäude, mit Gimmicks versehen und dem Kopierer gedruckt, ließen sich lange Zeit gut auf der Straße verkaufen. Tatsächlich ziemlich genau bis zum Mauerfall. Danach lohnte es sich nicht mehr.
Ob es vielleicht Ubbelohdes Zeichnungen in der Kreisverwaltung sind, die mich seit über dreißig Jahren immer wieder unterbewusst in diesen Landkreis zurück führen, ist eine nette Spekulation. Ich weiß bis heute nicht, wie ich mich entscheide. Es ist oft ähnlich im Ergebnis, doch wer in mir sagt: “So wird es gemacht.“ ist eins von vielen ungelösten Rätseln. Es passieren Dinge. Ich reagiere. Wenn nichts passiert agiere ich.
Und so wandle ich nun auf Ubbelohdes Pfaden, fotografiere seine Heimat und verwandle sie in Märchen.
