Der Schöpfer

Ist es nicht genau das, was ich bin? Ein Schöpfer? Doch was kann ich erschaffen, außer dem, was in mir drin schon da ist? Ist es nicht genau das, was unsere Avatare, unsere erfundenen Persönlichkeiten mit Leben erfüllt? Egal, ob es sich um eine Rolle in Midgard oder auf der politischen Bühne handelt. Wir spielen Rollen, füllen Avatare mit Leben und denken viel zu oft, diese Rolle sei das Leben.
Hier leben nun meine Avatare und spielen ihre Rollen. Warum nur einen Körper benutzen, wenn man viele haben kann. Ich kann ja auch in verschiedenen Weltbildern existieren. In einem von euren zum Beispiel. Doch dort werde ich immer nur als wirrer Sonderling wahrgenommen werden. Mittlerweile wohl eher als freundlich wirr, aber wer an der Bushaltestelle tanzt statt wartet kann nicht ganz normal sein.
Mich in euren Welten, euren Märchen, eurem Monopoly sozial verträglich bewegen zu können hat lange gedauert. Wer ständig weg gebissen wird lernt beißen. Manchmal. Ich lernte es. Doch ich will nicht beißen, will kein Affe sein, nicht Monopoly spielen. Ich will nur meine bescheidenen Talente nutzen, um meine Märchen zu schreiben und mit Leben zu füllen. Alles andere ist mir egal. Lieber unter Brücken schlafen, als nicht träumen, nicht schaffen zu dürfen. Das mag daran liegen, dass ich lange Jahre zwischen Kühen lebte. Ich war schon als Kind seltsam, zu wild für den Kindergarten, Master-know-it-all in der Schule, der Fremde von dem Hof auf der Höhe und später der Fremde aus dem kleinen Kaff rheinaufwärts.
Rudel. Es hat wohl in der frühen Kindheit mal eins gegeben. Ich wurde daraus zwangsentfernt, zu den Kühen gebracht und dort weitgehend mir selbst überlassen. Träumen, spielen, uhrlos leben. Die Uhren hatten andere. Die Schule wollte, dass ich mich ihrem Diktat beuge. Ich tat es widerwillig. Auch schwarze Schafe lassen sich zum Metzger treiben.
Dem ersten menschlichen Rudel begegnete ich dann nach der Rückkehr meiner Erziehungsberechtigten und so zwangsläufig auch mir in die angebliche Zivilisation eurer Städte. Es sind eure Städte. Ich wandere nur darin herum.
In der Schule wurde aus dem Fremden aus dem kleinen Kaff der Fremde aus der Unterschicht. Das Rudel der etwa gleichaltrigen Kinder aus dem Bahnhofsviertel, in dem nun mein „Zuhause“ lag, wird man wohl in diese Schublade stecken.
Es waren Kinder. Mehrere, mehr als eins. Und sie ließen mich mit ihnen spielen. Unser Sandkasten war fünf Meter hoch und hatte einen Sprungturm, den Kran, der meist ungenutzt dort stand. Wir tobten über die Dächer des Kinos oder schauten uns von dort die Filme an, ohne dafür zu bezahlen. Wir kletterten in den Ruinen eines zerfallenden Wohnhauses herum, erforschten die Tunnel der Kanalisation. Einige Kinder begannen zu stehlen und Dinge dort zu verstecken. Eins verriet alles durch Dummheit.
Ich bekam die Prügel. Ich kann sie immer noch fühlen und auch die Abscheu gegenüber diesem Männlein, seiner bürgerlichen Wohlanständigkeit und der Gewalt, die daraus entsprang. Er wäre wahrscheinlich einer dieser stumpfsinnigen Hexenverbrenner gewesen. Nicht aus Überzeugung, sondern aus sozialer Furcht.
Ich lernte Sippenhaft kennen, spielte von da ab mit Mädchen und musste mich bald darauf schon wieder in einer neuen Umgebung zurecht finden. Ein Traum wurde wahr. Nicht meiner. Der meiner Mutter, der anderen Hälfte des kleinbürgerlichen Duos, das ganz offen zugab mir geistig nicht folgen zu können, aber trotzdem darauf bestand über mein Leben bestimmen zu dürfen.
Sie hatten mich als Dieb gebranntmarkt und verprügelt. Ich wurde zum Dieb und bestahl sie. Erst nur ein paar Münzen, später auch Scheine. Sie erwischten mich nie, haben es nie erfahren.
Zur Schule musste ich nun mit dem Bus fahren, saß dort anfangs noch die staatlich verordnete Zeit ab, wiederholte die Quarta und schwänzte die Unterterzia fast komplett. Warum in der Schule hocken, wenn man auch in der Milchbar Flipper spielen konnte? Auch diese kurze Zeit der Selbstbestimmung endete dramatisch. Man übergab mich dem damals üblichen Ausbildungswesen.
Ich war nun ein Lehrling. Azubis gab es erst später. Schon der erste Tag war ein Schock. Laut, heltisch, aggressiv. Eine Küche ist kein heimeliger Ort voll romantischer Seligkeit. Zumindest keine Gasthausküche. Statt Küche sollte man wohl eher Nahrungsfabrik schreiben, denn der auf Bustouristen ausgerichtete Großbetrieb, in dem ich mein Handwerk erlernte, produzierte volle Bäuche und keine Kochkunst. Wie gut meine Ausbildung trotzdem war, lernte ich erst Jahre später zu würdigen, als ich einige der gepriesenen Tempel des Bacchus durch den Seiteneingang betreten durfte.
Nesthäkchen nennt man es romantisch.
Zwei Jahre Altersunterschied ist für Teenager schon körperlich ein Graben. Geistig ist es ein Fjord. Der schmächtige Junge bekam wieder einmal die Rolle des Außenseiters zugewiesen, wurde kein Teil des Rudels, kein Mitglied des Teams. Er weigerte sich den Alten die Stiefel zu küssen, rebellierte gegen die gesetzeswidrige Regeln und erkämpfte reduzierte Arbeitszeiten. Allein und deshalb nur für sich. Beliebt macht man sich so nicht.
Auch diese Leidenszeit endete und es begann eine lange Irrfahrt in den Gewässern eurer Weltbilder. Sie mag weniger spektakulär als die Fahrten des Odysseus gewesen sein, doch auch ich fand zuletzt zurück zu meiner Insel. Es ist die Insel des kleinen Jungen auf der Wiese, die Insel der eigenen Träume, der eigenen Märchen. Ich fand kein Rudel für mich. Deshalb erfand ich mir eins. Ich bin Silbenknicker und noch viel mehr.
Noch mehr über mich findet ihr unter der Adresse: blog.arpan.de

Ein kleiner Hinweis zum Schluss: Ich schreibe Märchen, keine Bibel. Ihr müsst hier nichts glauben.