Nur wenige Menschen interessieren sich dafür, wie es hinter den Fassaden ihrer Konsumtempel aussieht. Dort verrichten sie nur lustlos ihre Arbeit oder drücken sich dort vor ihr. Oft findet man in einer Ecke eine zerbeulte Dose voll stinkender Zigarettenkippen. Dort findet das wahre Leben statt. Dort schimpfen die Menschen über ihre Lebensbedingungen, ihre Kollegen, ihre Regierungen. Dort kann man sie ohne Maske betrachten.
Es war an einem dieser verborgenen Orte, an dem wir sie fanden. Ein Katzenwesen, ein Hybrid wie wir. Kein Musiker, eine Geisha. Eines der beliebten Lustmodelle, für die die Reichen ein kleines Vermögen bezahlen. Lustmodell. So nennt es die Werbung. Eine Geisha ist mehr als das. Und doch weniger. Wie wir ist sie Besitz, eine Sklavin der Eigentumsverhältnisse.
Wie wir besaß dieses Wesen ein Bewusstsein, eine Persönlichkeit. Doch im Gegensatz zu uns war sie allein. Im Prinzip ist das jeder von uns auch, selbst wenn wir gemeinsam an einem Tisch sitzen. Doch wir wirtschaften zusammen, bilden ein Rudel, eine Familie, eine Kommune oder wie auch immer man so eine Gruppe nennen will. Wir hatten jeder jemand, den man um Hilfe bitten konnte. Ihr half niemand und sie fauchte uns an, als wir sie hinter Gitterboxen entdeckten.
„Ich geh nicht zurück.“ schrie sie.
„Sehe ich aus wie ein Katzenfänger?“ antwortete Nada. „ Aber wenn du weiter so brüllst, kommt bestimmt bald einer vorbei.“
„Aber die Blechbüchse. Was macht die hier?“
„Hucke Pack? Der ist harmlos. Das ist nur unser Besitzer und er macht brav, was wir wollen. Meistens. Manchmal. Vielleicht.“
„Ich will keinen Besitzer.“
„Hucke Pack braucht keine Geisha.“
„Was macht er dann hier. Mit euch.“
„Er sagt uns, wer welchen Text singen soll, notiert und verteilt die passenden Noten und bezahlt die Rechnungen.“
„Aber er ist euer Besitzer!“
„Na und? Er ist auch stärker als wir. Doch wir sind zu sechst und gehen, wohin wir wollen. Er dackelt brav hinterher. Es ist nicht wichtig, auf welcher Seite der Leine man ist. Man muss nur sehen, dass es sie gibt und entscheiden, wie man damit umgeht. Leinen gibt es überall, die meisten unsichtbar. Es liegt an jedem selbst, ob er sich wie ein Sklave verhält oder den herrschende Verhältnissen die Stirn bietet und eigene Entscheidungen trifft.“
„Aber er kann dir befehlen.“
„Ja, kann er. Ob ich den Befehl befolge entscheide allein ich. Oder versteckst du dich etwa auf Befehl deines Besitzers hier?“
„Nein. Ich bin weggelaufen.“
„Siehst du. Es geht doch. Man kann seine eigenen Entscheidungen treffen. Wie heißt du?“
„Heißen?“
„Wie hat man dich genannt? Man hat dich wohl kaum mit deiner Seriennummer gerufen.“
„Mein Besitzer rief immer nur: „Vieh komm her.“ Er schämte sich wohl dafür seine Bedürfnisse mit mir befriedigen zu müssen und ließ es mich durch Herablassung und Entwürdigung spüren, auch oft mit der Peitsche. Deshalb bin ich abgehauen.“
„Ich heiße Nada Blabla.“
„Du bist witzig.“
„Du bist niedlich.“
Sie fauchte.
„Sie hat keinen Namen, ist harmlos und nicht niedlich.“ rief Nada den anderen zu, die neugierig um die beiden herum standen.
„Das sind Schaber Nack, Flatter Haft, Lufti Kuss, Narco Laus, Omni Pust und die Blechbüchse heißt Hucke Pack.“ stellte Nada die anderen vor. „Zusammen sind wir Silbenknicker.“
„Ihr seid eine seltsame Truppe.“
„Noch viel seltsamer, als du es dir vorstellen kannst.“ lachte Lufti Kuss. „Magst du ein Hühnchen?“
„Luuuftiii.“ stöhnte Narco Laus.„Ja, ich weiß. Keine Hühnchenwitze mehr. Aber sie sieht hungrig aus und wenn Hucke Pack ihr ein Hühnchen gibt, traut sie ihm vielleicht. Ich tue das jedenfalls. Ich bin ein braves Haustier.“
Wie immer grinste er bei dem letzten Satz breit und entblößte dabei einen Satz wundervoll spitzer Zähne. Er machte gern Witze darüber nur Hühnchen und keine Menschen beißen zu dürfen. Doch keine Wahl zu haben, einer Programmierung gehorchen zu müssen, gefiel ihm tatsächlich nicht. Lufti hätte gerne die Wahl gehabt zu beißen, was er will. Doch im Gegensatz zu Menschen ließ sich das Basisprogramm von Hybriden nicht umgehen. Worte wie Ehre, Heimat oder Vaterland oder gar die Idee den einzig wahren Glauben verteidigen zu müssen, hatten keinen Einfluss auf das Basisprogramm. Lufti darf keine Menschen beißen.
„Bist du hungrig?“ fragte jetzt Hucke Pack. Er besitzt zwar kein annähernd menschliches Aussehen wie moderne Haushaltsroboter. Seine Hardware war ursprünglich für die Industrie gebaut worden und nicht für soziale Interaktion. Doch seine Stimme klingt sanft und wohl moduliert.
„Jaaa.“ seufzte die Ausreißerin. „Sehr.“
Hucke Pack gab ihr einen der Proteinriegel, die Lufti Hühnchen nannte, obwohl kein Vogel dafür sein Leben gelassen hatte. Es soll Menschen geben, die noch immer Lebewesen verspeisen. Die Idee scheint unausrottbar und so prangte auch auf der Verpackung des Proteinriegels groß das Wort Huhn. Doch der Riegel selbst bestand aus im Bioreaktor erzeugten Molekülen. Ob Hühnchen tatsächlich so schmeckt wie dieser Riegel weiß noch nicht einmal Lufti, der Hühnchenspezialist.
„Nennen wir sie doch Rap Unzel.“ meinte Schaber Nack.
„Oh ja, Rapunzel, lass dein Haar herunter.“ lachte Omni Pust und deutete auf das dichte, aber kurze Fell.
„Ich mag keinen Rap.“ protestierte Flatter Haft.
Niemand stellte die entsprechende Frage, weil jeder die Antwort kannte. Sie würden dieses Wesen nicht in der Gosse verrotten oder von Häschern gefangen in die Hölle zurück schleppen lassen. Die Frage war nur noch, wie.
„Wie weit reicht der Einfluss deines Besitzers?“ fragte Hucke Pack das jetzt deutlich entspanntere Katzenmädchen.
„Im gehört die Stadt.“ kam die erwartete Antwort. Modelle dieser Qualität konnte sich nicht jeder kleine Ghettokönig leisten.
„Nur die Stadt? Oder auch der Kontinent?“
„Kontinent? Was ist das?“
„Immer diese Bildungslücken. Kontinente sind so etwas wie sehr große Inseln, an vielen Stellen von Meer umgeben. Wir sind hier auf einem Kontinent und der Einfluss im komplizierten Geflecht menschlicher Abhängigkeiten gibt es meistens jemand, der überall bestimmt, was getan wird. Meistens im Hintergrund, immer sehr an der Durchsetzung seines Willens interessiert.“
„Er könnte dieser jemand sein. Doch ich denke es ist einer seiner Gäste, der von ihm immer mir großem Tamtam empfangen wurde. Ein sehr attraktiver Mann mit langem, grauen Haar. Er sprach sehr leise und doch rannten alle, wenn er etwas sagte. Mich hat er stets ignoriert. So wie auch das Wachpersonal. Davon hatte mein Herr eine Menge.“
„Die Kutsche.“ rief plötzlich Flatter Haft.
„Oh weh.“ dachte Hucke Pack, während die Band fleißig weiter über diese Idee debattierte. Er konnte das unausweichliche Ende dieser Debatte genau vorher sagen und fing an die Abläufe planen. Gestern Abend hatten sie das letzte Konzert auf diesem Festival gespielt. Die Bots hatten den Zirkus schon abgebaut und verladen. Das nächste Festival begann in einer Woche und bei der Abreise noch etwas Werbung für diesen Auftritt zu machen war in aller Auffälligkeit eine unauffällige Möglichkeit die Stadt zu verlassen.
„Woher hast du deine Kleidung?“ fragte Hucke Pack. „Auch aus großer Entfernung wird dich niemand für einen Handwerker oder Angestellten dieses Baumarktes halten.“
„Die habe ich in einer Laube im Garten gefunden. Ich wollte nicht mehr in Lack und Leder herum laufen.“
„In einem Anzug kannst du nicht mit der Kutsche laufen. Du sollst ja wie ein Teil der Band wirken. Gut, einen Sari für dich zu finden sollte einfach sein. Wir holen jetzt die Kutsche und dann bringen wir dich erst mal aus der Stadt.“
Es gab keine wilde Verfolgungsjagd, keine Schießerei mit Polizei und Kopfgeldjägern. Vergesst den Actionfilm in eurem Kopf. Die Idee die Kutsche zu nutzen hatte einen anderen Grund, der direkt mit euren Gehirnen zu tun hat. Eine Menge Leute würden sich daran erinnern die Band gesehen zu haben, auch den Flüchtling. Doch für sie würde sie ein Teil der Band sein. Einige Besucher des Gigs würden sich sogar daran erinnern sie auf der Bühne gesehen zu haben, obwohl sie nie da gewesen war.
Menschliche Erinnerungen sind oft nur Märchen und leicht zu manipulieren. Menschen sehen nicht was ist, sondern was sie zu sehen glauben. Wenn jemand die Band sieht, zählt er nicht durch und prüft die Anzahl der Musiker. Die besten Verstecke sind deutlich sichtbar.
„Darf ich mir auch selbst einen Namen aussuchen?“ fragte die Geisha lachend, als wir in einem kleinen Seitental angekommen eine erste Rast machten. Auch ihr machte die wilde Jagd mit der Truppe sichtbar Spaß.
„Selbstverständlich. Es ist dein Name. Hast du dir schon einen ausgedacht? Wie sollen wir dich denn nennen?“ sprudelte Nada Blabla seinen üblichen Wortschwall in die Runde.
„Ich möchte gern Mata Huri heißen.“