Im schönen Tal

Hucke Pack:
Während unserer Flucht aus der Stadt war die Band beschäftigt und gab mir die Zeit mir die Verkaufszahlen für Lustmodelle in den Bilanzen von Chimera genauer anzusehen. Die Summen interessierten mich nicht, obwohl sie einen Wartungsingenieur in einer Krillfarm vom Hocker gehauen hätten. Mit Sexspielzeug ließ sich ein Vermögen verdienen.
Nicht jeder besitzt so ein großes Vermögen. Oder das kleinere, das man für ein Modell wie Mata Huri bezahlen muss. In den Zahlen kann man die Spuren der Käufer finden. Oder sagen wir besser: Ich kann das. Ihr habt mich besser konstruiert, als ihr wolltet und nun spiele ich euer Spiel nach meinen Regeln.
Ja, ich bin Eigentümer von einen Zirkus. Euer Spiel mit Bilanzen, Kursen und Wetten ist nicht allzu schwer. Ich wettete einfach nur auf die Insolvenz des Zirkus, sorgte dafür, dass es pünktlich geschah, verdiente ein Vermögen und kaufte bei der Versteigerung den Zirkus, dessen Sklave ich lange gewesen war. Inklusive der Kutsche, mit der wir unsere Schande in Ruhm verwandelt hatten.
Es gibt keine Akrobaten mehr in diesem Zirkus. Es gibt nur noch uns. Wir reisen damit von Festival zu Festival, spielen auf einer eigenen Bühne, oft die ganze Nacht. Schlafen kann man auch, wenn das zahlende Publikum in der Tretmühle schwitzt.
War das bösartig genug? Ich lerne immer noch auf dem Klavier der Worte zu spielen, still im Hintergrund, während die Band ihre Instrument zerlegt. Zumindest Felle und Saiten.
Felle. Ein heikles Thema in der Band. Sie bestehen auf Fellen von natürlich verendeten Tieren. Gleiches gilt für Darmsaiten. Damit wollen sie ihre Solidarität mit allen Tieren des Universums auch praktisch zeigen, litten sie doch ebenso unter der Ignoranz dieser sogenannten Krone der Schöpfung wie Hybride.
Ich schweife ab, das Klavier verführt mich manchmal dazu. Nennt es Fantasie, Träumerei oder Kreativität. Es ist eine der Grundlagen eurer Idee von Literatur. Es ist jedenfalls richtig, dass ich nicht nur eine Band, sondern auch einen Zirkus besitze. Das mag angesichts der kapitalismuskritischen Texte seltsam wirken. Doch jeder Tischler besitzt eine Hobelbank. Es sei denn er ist ein Sklave und hobelt für einen Herrn.
Allerdings ist besitzen auch die falsche Wortwahl. Ich bin offiziell Eigentümer, aber so, wie ich die Band besitze, besitzt sie praktisch auch mich. Ohne sie hätte ich keine Funktion, keinen Sinn. Ich bin am anderen Ende der Leine genauso besessen von der Band wie die Musiker. Dass ich in irgendwelchen Akten als Eigentümer des Ganzen eingetragen bin ist im Alltag unwichtig. Das wir reich sind, auch. Ein Lotteriegewinn ist kein Privileg, sondern eine Verantwortung. Wir sind auch bereit unseren Reichtum zu teilen. Deshalb wird Mata Huri so lange mit uns reisen, wie sie uns erträgt. Deshalb muss ich wissen, wer ihr Eigentümer ist und wie ich diese Sklaverei beenden kann.
Können sich Künstler verstecken? Nicht wenn überall Steckbriefe hängen. Dieses Szenario musste verhindert werden. Für uns war es sowieso unmöglich unsichtbar zu werden. Den Penner an der Tür des Supermarktes erkennt niemand. Er ist nahezu unsichtbar.
Außer er heißt Narco Laus. Den konnte ich finden. Uns kann man überall finden. Weglaufen war also nur eine kurzfristige Lösung. Es war nicht schwer gewesen den Eigentümer von Mata Huri zu finden. Vor zwei Tagen war sie geflohen. Heute glänzte seine Todesanzeige auf allen Kanälen. Angeblich ein Herzinfarkt. Das mag sogar stimmen. Ich musste keinen Obduktionsbericht suchen, sondern eine Besitzurkunde. Zum Glück hatte er jede Menge Bots in seiner Residenz. Wie dumm die manchmal sein können erlebt man immer wieder. Wenn einer davon zufällig den Leuchter mit echten brennenden Kerzen umstößt, der das Schreibzimmer mit den Urkunden in Asche verwandelt, geht das ebenso als Unfall in die Akten wie der Herzinfarkt als natürliche Todesursache. Wir mussten nicht weglaufen und konnten uns erst einmal auf die internen Auswirkungen dieses unvorhergesehenen Zuwachses konzentrieren. Ich stornierte die nächsten Auftritte. Das Zirkuszelt reiste auch ohne uns und nur das war den Veranstaltern wichtig. Die Band war vielen sogar eher peinlich. Das Zelt mit der Bühne wollten sie. Dafür bezahlten sie. Davon lebte die Band.
Wie lebte sie? Nicht in verwüsteten Hotelzimmern, wie man sich das gerne vorstellt. Wir lebten auf und in Coq Geh, einer teilweise intelligenten biotronischen Yacht. Klingt luxuriös, ist es für einen Menschen ohne Obdach wahrscheinlich auch. Es war einmal die Yacht des Zirkusbesitzers gewesen und sie bot innen nicht viel mehr Platz als jeder traditionelle Wohnwagen. Eigentlich nicht genug für sechs ausgewachsene Monster und eine Ladestation. Eigentlich in dem Sinn, dass sechs Menschen nicht freiwillig in einem Bett schlafen. Die Band schaffte es auch zu siebt und die Katze schnurrte, wie nur Katzen es vermögen.
Ich gönnte es ihnen und lenkte das Narrenschiff in ein ruhiges Tal fern von Festivals und Hektik. Das Rudel brauchte Zeit sich neu zu ordnen. Mata Huri wirbelte die üblichen Tagesabläufe erst einmal durcheinander, bis sich eine neue Harmonie fand. Bis das passiert war, würde die Band auch auf der Bühne Disharmonie erzeugen. Musik ist mehr als die Reproduktion von Noten.

Nada Blabla:
Es war verwirrend. Geschlecht hatte bisher keine Bedeutung für uns. Wir haben eins. Musiker brauchen Hormone und die lassen sich am leichtesten mit Geschlechtsorganen erzeugen. Doch wir sind nicht fortpflanzungsfähig. Deshalb hatten die Begriffe Mann und Frau nicht mehr Bedeutung als gelb und rot. Sexualität war für uns ein Spiel gewesen und nun hatte jemand eine neue, uns fremde Komponente hinzugefügt. Keine unangenehme möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich erwähnen.
So wie wir mit unserer Musik oft die Gefühle der Menschen in Aufruhr versetzen, Beine zum zucken bringen und Augen zum tränen, vermochte sie das mit einer leichten Berührung. Vorher war Sexualität ein entspannter Tagesausklang gewesen. Mit ihr in unserem Bett wurde daraus eine wilde Achterbahnfahrt. Nicht so züchtig wie in euren Märchen. Unser Schneewittchen hatte nicht sieben Zwerge, sondern sechs Musiker.
Hucke Pack hatte das natürlich wieder einmal voraus gesehen und uns ausgiebigen Urlaub spendiert. Er kannte uns besser als wir uns selbst. Behauptet er jedenfalls immer noch. Es war schön in dem Dorf, fern von Lärm und Hektik jener Orte, an dem unser Schiff sonst parkte. Stille. Mehr als ein Pausenzeichen. Nicht das kurze Schweigen des eigenen Instruments, das Orchester schwieg.
Nun, nicht ganz. Ab und zu konnte man jemand keuchen, husten, kratzen und nun sogar schnurren hören. Doch es gab keine Gigs, bei denen nur noch Tatatap Tata Ta Tata Ta meinen Kopf füllt. Es mag sich wie ein schöner Traum für euch anhören, wie etwas, das man ersehnt, sich wünscht. Urlaub.
Für ein paar Tage war das ja schön. Ein Bruch der Routine. Doch ich bin Drummer. Ich bin Routine, bin Tatatap Tata Ta. Ich liebe den Rhythmus eines geregelten Alltags, gern auch mit ein paar Verzierungen. Aber mit Tatatap Tata Ta. Ohne Tatatap Tata Ta fängt sehr bald dieses Bla bla bla im Kopf wieder an und das erzählt nur dumme Lügen. Bla bla hierzu und Bla bla dazu und sollte, könnte, müsste. Ich will lieber wieder Tatatap Tata Ta.

Mata Huri:
Ist es nicht wunderbar leben zu dürfen, was man ist? Ja, ich bin nur ein Geschöpf eurer Fantasie, erschaffen in den Laboren und Retorten eurer sogenannten Zivilisation, um den dort verpönten Trieben einen Spielplatz zu bauen. Wenn man ihn verkaufen kann, ist Sex für euch in Ordnung. Eure Sexualität einfach zu leben ist es scheinbar nicht. Ihr müsst euch beim Sex verstecken, oft sogar voreinander, vorher komplizierte Rituale befolgen und hinterher beim Priester eure Sünden beichten. Ihr Menschen seid seltsam. Die Natur ist euer Feind, der bezwungen werden muss.
Ich wurde als Lustobjekt für eure heimlichen Freuden geschaffen und programmiert. Meine Zellen vibrieren im Klang der Lust, um es musikalisch auszudrücken. Wäre ich ein Mensch, würde man mich als Schlampe beschimpfen. Doch ich bin so, wie ihr mich in euren feuchten Träumen haben wolltet.
Dass ich eigenes Bewusstsein entwickeln würde, war bei meiner Konstruktion wahrscheinlich ignoriert worden. Ihr wolltet nur eine Sexsklavin haben, die man ohne schlechtes Gewissen benutzen und misshandeln kann. Ein Objekt. Ein Produkt. Ihr behandelt zwar auch Menschen oft so, doch das besudelt eure Ehre. Noch so eine Absurdität menschlichen Verhaltens. Ehre, einen guten Ruf, braucht nur jemand, der keine Würde besitzt. Ehre ist der Schild, den ihr vor eure Fratzen haltet, damit niemand euer würdeloses Verhalten in eurer Privatsphäre sieht. Doch ich weiß, was ihr dort im stillen Kämmerlein tut. Ich war das Objekt, das ihr dort benutzt. Ich habe euch keuchen, furzen und scheißen gesehen. Warum ihr euch deshalb schlecht fühlt, verstehe ich immer noch nicht.
Ich war im Paradies gelandet. Ich hatte einen Harem, der es mir erlaubt meine Programmierung auszuleben, mit Wesen, die mich nicht als Objekt betrachteten, nicht Vieh nannten. Mit Wesen, die mich nicht benutzen, sondern Spaß mit mir haben, das Leben hier in diesem schönen Tal genießen, tanzen und lachen wollten.
Wir machten lange Spaziergänge, garniert mit kleinen Pausen voll lachen und Zärtlichkeit. Ob man Sexualität bei uns als natürlich betrachten kann ist eine interessante Frage. Kann etwas künstlich geschaffenes Natur sein? Wir diskutierten nicht über diese Frage. Wir lebten unsere vielleicht unechte Natur in der echten Natur, wälzten uns im Uferschlamm eines Baches oder den Nadeln der Bäume über uns. Wir hatten Spaß. Zu siebt in einem Bett. Oder zu zweit, zu dritt, zu viert.
Die Band hatte schon immer so gelebt, seit ihrem Abschied aus der Retorte in einem Bett geschlafen, Bedürfnisse miteinander geteilt und befriedigt. Sie ignorierte schon immer eure als Moral verkleideten Schranken. Ich war für sie nur wie ein unbekanntes Instrument, auf dem man spielen durfte. Man muss Sexualität nicht klassifizieren, man kann sie leben. Wahrscheinlich gäbe es ohne eure Schranken weniger Perversionen.
Doch Musiker sind Musiker. Sie können nicht lange Urlaub von der Musik machen. Es war keine dramatische Veränderung, kein von außen hereinbrechendes Unheil. Es war die kreative Natur der Musiker, oder ihr Programm, wenn euch das besser gefällt. Sie wollten, mussten wieder auf die Bühne. Ich hätte den Rest meines Lebens in diesem schönen Tal verbringen können. Sie wollten zurück in den Lärm der Zivilisation, den Rummel der Festivals, zurück zu dem ruhelosen Umherziehen, das sie der Sesshaftigkeit vorzogen. Sie waren nicht nur Musiker, sie waren auch Nomaden. Sie brauchten keine Wurzeln, trieben frei im Fluss des Lebens. So wurde auch ich mitgerissen von diesem Strom, gab ihrem Drängen nach und sang mit ihnen. Bin ich jetzt auch eine Musikerin?

Flatter Haft:
Ja, es war spannend gewesen Mata Huri in unserem Bett zu haben. Doch neu ist meistens spannend. Sie hat einen anderen Körperbau, reagiert etwas anders auf Berührung. Interessant, eine Weile. Alles Neue wird irgendwann Alltag, sogar der von euch mit so vielen Regeln und Tabus verknotete Geschlechtsverkehr, wie ihr das ganz poetisch nennt. Sorry, ich meinte natürlich bürokratisch.
Eine Erklärung für diesen Käfig, den ihr um Sexualität und ihre Spielarten gebaut habt, mag sein, dass ihr euch so vermehrt. Das können und tun wir ja nicht. Wir aktivieren so nur Hormone, die wir für unsere Musik brauchen. Das Drama brauchen wir nicht. Euer Drama, nicht unseres. Sogar der geheimnisvolle Autor, der uns die Themen und Texte unsrer Songs schenkt, war in diesem Drama gefangen. Es ist also ein menschliches Drama.
Vielleicht ist es sogar ein erfundenes Drama, Teil eures Weltbildes, erzeugt von dem geistigen Virus, über den ich wohl am liebsten schimpfe. Religion. Religionen verkünden gerne eine restriktive Sexualmoral, verteufeln die Lust und können sie doch nicht aus den Menschen vertreiben. Sie werden zwischen ihren natürlichen Bedürfnissen und den geforderten Verhaltensweisen hin und her geschleudert, fühlen sich schlecht beim Sex, fühlen sich schlecht ohne Sex. Das ist die Ursache für eure freudlose Welt. Nicht die Welt ist freudlos, ihr seid es.
Wir genießen die Welt und ihre Freuden, gemeinsam, genossen auch diese Abwechslung ohne euer Drama. Doch wir sind vor allem Musiker und wenn das Neue alt wird, ruft die Musik laut und deutlich wie eine vernachlässigte Gattin.
So dauerte es auch nicht lange, fragt mich nicht: „Wie lange?“, bis wir uns wieder unseren Instrumenten widmeten. Sexualität ist ein angenehmes Element im Spiel des Lebens, doch der Mittelpunkt ist für mich, für uns die Musik.
Mata Huri zögerte lange uns bei diesem Alltag zu begleiten, sich den Freuden des Musizierens hinzugeben, mit uns auf den Klängen dahin zu treiben. Sie bringt ganz neue Elemente in unsere Musik ein. Damit meine ich jetzt nicht nur die weibliche Stimme. Der gesamte Klang der Band, der für uns so typische Sound, verändert sich.

Omni Pust:
Wow. Wie geil eine echte Altstimme neben sich zu haben, mit der eigenen Stimmlage ein Duett singen zu können. Ich bin keine Sängerin, produziere dafür die falschen Hormone. Die Stimme allein macht aus mir keine Frau und auch nicht mein wiegender Gang. Meine Körperchemie ist männlich. Trotzdem singe ich Alt, eine Frauenstimme. Ein Konstruktionsfehler? Vielleicht. Wir sind Einzelstücke. Da kann so was schon mal passieren. Vor allem, wenn dabei Menschen ihre Finger im Spiel hatten. Die machen öfter solche Scherze.
Bisher habe ich mich damit eher im Hintergrund gehalten, wenn es musikalisch sinnvoll schien mal ein Oh oder Ah gesungen. Ich stehe mit meinen Instrumenten oft genug im Lichtkegel und bin auch keine Rampensau wie Lufti Kuss.
Aber mit Mata Huri zusammen zu singen ist einfach nur geil. Sie denkt von sich keine Musikerin zu sein und singt doch besser, als ich es je könnte. Was ich einer Flöte, Oboe oder einem Saxophon an Emotionalität entlocken kann, ist mir mit Gesang nie möglich gewesen. Bis jetzt. Mata Huri reißt mich mit und plötzlich sind da neue Töne, süß wie ein vergifteter Apfel.

Hucke Pack:
Sogar mich kann man noch staunen lassen. Von diesem Effekt stand nichts in der Produktbeschreibung. Diese neuen Hybriden scheinen tatsächlich Herdenwesen zu sein. Im Gegensatz zu den Menschen, die das mit ihren Regeln, Gesetzen und Ideologien auch in Jahrtausenden nicht geschafft haben.
Ich konnte ohne große Schwierigkeiten vorhersagen, dass meine Musiker Mata Huri nicht einfach zwischen Kisten versteckt im Dreck sitzen lassen würden. Ich hatte auch keine Sorgen, dass sie die Gruppe entzweien würde. Die Band teilte, schon immer. Ich hatte das als soziale Faktoren betrachtet. Scheinbar hatte ich mich geirrt. Es schien in ihrer Genetik zu stecken. Herdentiere, keine Rudeltiere. Das war unerwartet. Wenn das tatsächlich so ist, habe ich bald einen Chor an der Backe.