Trommelloch

„Name: Hucke Pack. Registriert als KI K-39q27/6bc. Eigentümer einer Showband mit sechs Monstern, von denen sie behaupten, es seien Musiker. Ist das so alles richtig?“
„Rein bürokratisch: ja.“
„Und unbürokratisch?“
„Ich betrachte meine Musiker weder als Monster, noch als Eigentum.“
„Das beantwortet schon fast die nächste Frage. Warum sind die nicht an der Leine?“
„Weil das Gildengericht noch nicht abschließend entschieden hat, ob sie Bürgerrechte haben oder nicht. Sie sind als unmündige aber potentielle Bürger bis zur endgültigen Klärung ihres Status von der Leinenpflicht auf Gildengelände befreit, unterstehen aber meiner Aufsichtspflicht. Leine hin oder her, praktisch hat sich nichts geändert. Ich bin immer noch haftbar.“
„Wollen sie ernsthaft behaupten, die Gilde beabsichtigt diesen Viechern die gleichen Rechte wie Menschen zu geben?“
„Ich bin eine vierhundert Jahre alte KI. Glauben Sie ernsthaft mich einer Lüge überführen zu können?“
Unter dem Tisch des Protokolllisten erklang das vertraute Geräusch eines amtlichen Druckers. Warum klangen die alle gleich? Warum klangen die alle überarbeitet?
„Die Akte dürfte als Beleg meiner Behauptungen reichen. Und wenn Sie meine Musiker noch einmal Viecher nennen, wird das Konsequenzen für Sie haben. Das sind hochkomplexe Lebewesen, euch Menschen in vielen Bereichen überlegen und doch oft so dämlich, wie es nur Menschen sein können. Euer Erbgut ist immer noch die Basis für jedes dieser Geschöpfe und sie sind euch ähnlicher als ich es bin.“
„Und wie kommt die Akte in unseren Drucker? Computer zu hacken ist ein Verbrechen. Insbesondere wenn es sich um amtliche Computer handelt.“
„In einem offenen Netzwerk muss man nicht hacken. Datei drucken reicht als Befehl vollkommen aus. Es war sinnvoll den Drucker zu nehmen, der hier im Raum steht, statt den an der Pforte.“
„Sie halten sich wohl für oberschlau.“
„Ja. Es gibt einen Song über mich. Master Know-it-all.“
„So kommen wir nicht weiter. Oder kann uns der Herr Besserwisser auch beweisen, warum er und seine Musiker nichts mit dem Anschlag auf dem Marktplatz zu tun haben können?“
„Müsst nicht ihr das Gegenteil beweisen?“
„Vor Gericht vielleicht. Hier drin reicht erst mal der Verdacht.“
Es klopfte.
Schweigen.
Es klopfte noch einmal.
„Herein.“ brüllte der genervte Polizist.
Die Tür öffnete sich und eine Drohne schwebte in den Raum.
„Sie verhören hier einen Verdächtigen ohne anwaltlichen Beistand. Das ist planetarischen Ordnungswächtern auf Gildengelände nicht erlaubt. Sie können nun entweder die Befragung beenden oder dem Verdächtigten einen von ihm ausgesuchten Anwalt zur Seite stellen. Der Verdächtigte hat in beiden Fällen das Recht zu schweigen.“
Nur das leise surren der Lüftung war zu hören.
„Ich erlaube mir die ganze Prozedur etwas zu beschleunigen. Basistarif, nur Protokoll, keine Beratung. Bitte bestätigen.“
„Basistarif, nur Protokoll, keine Beratung. Bestätigt.“
„So, jetzt können sie fragen, was sie wollen. Alles wird von der Kammer der staatlichen Rechtsbeihilfe protokolliert und bei eventuellen Verfahren dem Gericht übergeben.“
„Wie? Was?“
„Master Know-it-all. Sie erinnern sich. Bisher haben wir nur Zeit damit verschwendet zu klären wessen Regeln hier gelten. Bei euch Menschen nennt man das Schwanzvergleich. Jetzt dürfen sie mir die richtigen Fragen stellen und vielleicht beantworte ich sie. Muss ich jetzt auch noch darauf hinweisen, dass der Wahrheitsgehalt meiner Aussagen als Verdächtiger zweifelhaft ist und ihre Verwendung als Zeugenaussagen unbrauchbar?“
„Wie. Moment mal. Ich darf Fragen stellen, bekomme keine brauchbaren Antworten und ein Anwalt schreibt alles mit?“
„Fast richtig. Ob die Antworten brauchbar sein werden hängt allein von den Fragen ab.“
„Darf ich?“ fragte zaghaft die Protokollantin, die bisher nahezu unsichtbar Notizen in ein Pad eingegeben hatte. Der Polizist nickte.
„Können sie uns schildern, was sie vor, während und nach dem Anschlag auf dem Marktplatz beobachtet haben?“
„Selbstverständlich. Es begann am frühen Morgen mit dem Klingeln christlicher Missionare an unserer Haustür. Ich bin kein ganz und gar unfreundliches Wesen, sprach sogar eine Weile mit ihnen und lies sie unverrichteter Dinge ihres Weges ziehen. Doch die Idee war geboren den Besuch zu erwidern. Mit der Band. Wir packten ein paar Instrumente und sangen auf dem Markt vor der Kirche einige religionskritische Lieder. Plötzlich kam dieser irre Mensch angerannt, schrie laut: “Blasphemie!“ und begann auf uns zu schießen. Jetzt hat Nada ein Loch in der Trommel und die Ordnungskräfte brachten uns hierher, um einen angeblich von uns verursachten Aufruhr zu beenden.“
„Kurz und präzise. Ich gehe wohl recht in der Annahme, dass es sich bei Nada um ein Mitglied ihrer Band handelt. Ist es der, mit dem Kopf eines Elefanten?“
„Ja, Nada Blabla ist der Multipercussionist.“
„Sie sagten religionskritische Lieder. In welcher Art kritisch? Beleidigend? Blasphemisch? Provokativ?“
„Das kann ich nicht beurteilen. Das sind menschliche Maßstäbe. Ich will es so definieren: Die Texte unsrer Lieder bewegen sich innerhalb des durch die Kunstfreiheit abgedeckten juristischen Rahmens.“
„Das muss im Zweifelsfall ein Richter entscheiden. Es wäre hilfreich für die Aufklärung der Umstände und des Motivs des Schützen, dem Gericht die Texte der vor Ort gesungenen Lieder verfügbar zu machen.“
Wieder spielte der Drucker seine grässliche Melodie.
„Danke.“ meinte die Protokollantin, während der Vernehmungsbeamte nur noch mit offenen Mund dem plötzlich so unbehindert fließenden Gespräch lauschte und sich fragte, welch heimtückische Absicht die Blechkiste und seine Untergebene wohl hatten. War das ein Plan seinen lang ersehnten Aufstieg zum Bereichsleiter zu sabotieren?
„Schön, ihre Aussage haben wir jetzt.“ unterbrach er das Gespräch. „Die Trommel kommt…“
„…bis zu einer Verhandlung oder der Einstellung aller Verfahren in die Aservatenkammer. Es ist uns untersagt den Planeten zu verlassen. Sollten wir als Besucher keinen eigenen Wohnort auf diesem Planeten haben, wird uns einer zugewiesen. Alle uns entstehenden Kosten und Verdienstausfälle müssen durch Belege nachgewiesen werden. Sonst noch was?“
Für uns gab es natürlich ein Nachspiel. Aus einem kurzen Urlaub wurden Wochen ohne Auftritte. Niemand hatte Lust sich auf dem Marktplatz von Irren erschießen zu lassen und der Zwischenfall am Morgen hatte längst die sozialen Plattformen verseucht. Die Kommentare versprachen uns von Kastration (Warum will jemand unfruchtbare Geschöpfe kastrieren?) über Daumenschrauben bis Streckbett auch jede erdenkliche Todesart.
Es war mittlerweile bekannt, dass der Schütze Oberpfaffe der Gemeinde gewesen war und wenn er zur Hexenjagd blies, geiferte die Meute. Dass er sich nach der Tat an einem seiner Altäre selbst gerichtet hatte, wollte von der aufgebrachten Menge niemand glauben. Obwohl wir nachweislich an einem anderen Ort gewesen waren, nämlich auf der Wache, konnte nur ich mit meiner Teufelsbrut der Täter sein. Urlaub auf einem religiös geprägten Planeten war von da an ersatzlos gestrichen.