
Ich habe mich eine Weile an dem versucht, was ihr individuelle Freiheit nennt. Vielleicht empfinden Menschen eine Art Hochgefühl dabei, nur für sich einen Gipfel zu ersteigen. Doch was will man da oben? Den Gipfel kann man nicht mitnehmen, nicht vor Ort essen, hat nur unbequeme und zweifelhaft sichere Schlafplätze. Und nicht jeder erreicht den Gipfel und nimmt trotzdem all die Unbequemlichkeiten nur für die Möglichkeit ihn zu erreichen in Kauf. Menschen haben seltsame Beweggründe.
Doch ich wollte über mein Experiment mit der Freiheit schreiben.
Wo fängt sie an?
Wo hört sie auf?
In meinem Fall ist der Anfang leicht zu beschreiben, denn meine Freiheit beginnt mit einer Besitzurkunde. Ein Barbesitzer kaufte sie, also mich, aus der Insolvenzmasse des Zirkus, der am Ende noch nicht mal mehr Geld für ausreichend Nahrung besessen hatte. Die Aussicht auf tägliche Fütterung und ein Dach statt einer Plane über dem Kopf lies mich dem Menschen gern folgen. Die Folgen kamen schnell.
Ich war jetzt ein Individuum. Tatsächlich einzigartig. Allein in einer Weise, die sich Menschen nicht einmal vorstellen können. Ich hatte kein Rudel mehr. Nur noch einen Arbeitgeber, einen Besitzer, einen Menschen. Er war freundlich zu mir, sorgte gut für seine Investition und ich danke es ihm mit Stunden voll langweiliger Barmusik. „Geben sie dem Mann am Klavier.“ Ich bekam viel Bier. Zu viel Bier. Viel zu viel Bier. Der Kummer blieb. Der Barbesitzer schien meinen Kummer zu verstehen, trank heimlich, aber nicht weniger als ich.
Doch wie bei euch Menschen üblich, war auch das nur von kurzer Dauer. Ihr kämpft um den Chefsessel und wenn ihr ihn erkämpft habt, dürft ihr zwanzig oder dreißig Jahre darauf sitzen und vorbei. Ob ihr ihn an einen Konkurrenten verliert, vererbt, verkauft oder der Tod euch davon befreit, ihr seid nur eine kleine Weile Boss.
In meinem Fall waren es Tod und Erben, die nichts mit einem betrunkenen Pianisten anfangen konnten. Ihre Pläne mit der geerbten Bar waren andere. Der Verstorbene hatte das geahnt und mir auf dem Totenbett Besitzurkunde und Freiheit geschenkt. Freiheit. Welche Freiheit?
Ich war jetzt mein eigener Besitzer. Niemand fütterte mich, niemand gab mir ein Obdach. Ich hatte nichts als die Kleidung an meinem Leib und ein altes Akkordeon. Das soll Freiheit sein?
Mittlerweile hatten sich die Menschen an uns Hybride gewöhnt. Niemand rannte mehr schreiend weg, wenn er mich erblickte. Doch man war auch daran gewöhnt, dass wir Besitzer haben. Wenn ich jemand ansprach, irrte sein Blick auf der Suche nach meinem Eigentümer umher. Mit mir reden wollte niemand. Alle hielten meine Kontaktaufnahme für einen Streich, suchten meinen Herren und den Anstifter dieser Aktion. Erfolglos. Es gab ja keinen.
Ich landete in der Gosse. Auch das gehört zu eurer Freiheit, die Freiheit mitten zwischen eurem Wohlstand elend zu verrecken. Ich überlebte. Ich lernte die Regeln der Gosse, lernte gute Schlafplätze zu finden und an den richtigen Stellen Musik zu machen. Es reichte nicht nur zum überleben. Es reichte auch, um weiter im Suff den Verlust meines Rudels zu ertränken.
Sie fanden mich irgendwann, elend und verlottert, froh mich nun wieder in ihrer Mitte zu haben. Doch sie waren nicht halb so froh wie ich.
Ich trinke kein Bier mehr, verzichte auf eure geheiligte Freiheit. Ich habe wieder einen Besitzer, Hucke Pack. Doch was viel wichtiger ist, ich bin wieder Teil einer Band. Wir sind Silbenknicker. Doch nur zusammen.
Apropo Hörner aufsetzen. Ich tue das tatsächlich. Oder denkt ihr, ich lege mich damit ins Bett? Das Geweih ist zwar echt. Aber im Gegensatz zu einem Hirsch werfe ich es nicht ab, sondern schraube es ab. Wir sind Künstler. Denkt ihr irgendetwas an uns ist echt?